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Schlagwort: Podcast

Weil Deutschland mal wieder auf Bürokratie statt Innovation setzt: Verschwinden die PDFs wieder von den Lernplattformen?

VG Wort? Noch nie von gehört? Dürfte vielen so gehen. Die Verwertungsgesellschaft Wort funktioniert ähnlich wie die GEMA, nur statt Musik geht es um Texte. Kontrovers diskutiert wird die VG Wort ebenso wie die GEMA. Das eigentliche Ziel: Autor*innen sollen finanziell daran beteiligt werden, wenn Texte kopiert oder in Bibliotheken ausgeliehen werden. Gutes Ziel eigentlich. In der Realität fließt das Geld jedoch derzeit an die Verlage statt direkt an die Autor*innen, was der Bundesgerichtshof erst kürzlich als rechtswidrig ansah.
Was hat das mit Universitäten bzw. Hochschulen zu tun? Bisher zahlten Hochschulen Pauschalbeträge an die VG Wort, um Texte für Studierende digital bereitstellen zu können, bspw. in Seminaren als eingescanntes PDF. Mit dem neuen Rahmenvertrag soll nun eine Einzelabrechnung erfolgen – jeder hochgeladene Seminar- oder Vorlesungstext muss also gemeldet werden.

Fairer, aber mit hohem Mehraufwand?

Was eigentlich fairer klingt, bedeutet jedoch bürokratischen Aufwand: Das Campusradio Bielefeld hat in einem sehr offenen und kritischen Beitrag mit Claudia Riemer, Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Bielefeld, über die Konsequenzen diskutiert, die ab 2017 drohen. Unter anderem könnte es verstärkt wieder analoge Semesterapparatsordner in den Bibliotheken geben, also Bücher oder Textkopien, die nicht ausleihbar sind – was weder Riemer gefällt noch den Studierenden gefallen wird:

„Zurück in die analoge Steinzeit“ – Radio-Interview mit Claudia Riemer

Lehrende sollen demnach jeden Text, den sie auf Online-Lernplattformen in Seminaren oder Vorlesungen für Studierende digital hochladen, mit einer Eingabemaske an die VG Wort melden (Anzahl der Studierenden, Seitenzahl, etc.). Laut Pilotstudie brauchen Lehrende dafür durchschnittlich 4 Minuten für einen Text, den sie bereit stellen – insgesamt also ein hoher Mehraufwand bei der Seminarvorbereitung, wenn alles zusammengerechnet wird. (Zur Erinnerung: Bisher durften sie es ohne Meldung, weil die Abrechnung mit der Verwertungsgesellschaft pauschal erfolgt. Rechtliche Grundlage ist der Paragraph 52a des Urheberrechts.).

Wenn die Befürchtungen also zutreffen, dann könnte also selbst die PDF-Schleuderei in den Lernmanagementsystemen (LMS) an den Hochschulen zurückgehen, weil der Zeitaufwand für die Lehrenden zu hoch ist. Zudem müssen bereits hochgeladene Inhalte überprüft werden und eine Vielzahl von Texten müssen eventuell wieder gelöscht werden. Claudia Riemer rät diesbezüglich Studierenden der Uni Bielefeld, dass digitale Material herunterzuladen, solange es noch verfügbar ist (für eigene Zwecke legal, wenn keine Weiterverbreitung stattfindet).

Es geht also zwei Schritte zurück an den Kopierer und Scanner – in Bielefeld überlegen sie jetzt ernsthaft, wieder mehr von diesen Geräten anzuschaffen, die eigentlich wenig gebraucht wurden. Mir fällt dazu nur folgendes ein:

Wirklich keine innovativen Lösungen im Jahr 2016 möglich?

Gut, ein bisschen mehr fällt mir schon ein: Für mich stellt sich die Frage, warum es im Jahr 2016 nicht möglich ist, zeitsparsamere Lösungen zu entwickeln, wenn die Einzelabrechnung unumgänglich ist? Anzahl der Seiten eines PDFs sowie Anzahl der Studierenden in einer Seminarguppe kann auch die Lernplattform ganz einfach ausspucken – das ist Kindergarten für Programmier*innen. Wenn die Formularmaske zudem eine Autovervollständigenfunktion hat und die VG Wort das ordentlich und benutzerfreundlich programmiert, dann verstehe ich auch nicht, wie man da auf 4 Minuten pro Textmeldung kommen kann. Und wenn das ganze noch im LMS direkt beim Hochladen via Schnittstelle an die VG Wort gemeldet wird, verstehe ich nicht mal, warum Lehrende überhaupt ein Extra-Formular ausfüllen müssen??? An alle Verantwortlichen: Bitte klärt mich auf, warum das so schwerig ist im Jahr 2016!

Bonusabsatz: Würde das Wissenschaftssystem endlich konsequent auf #OpenAccess, also freie Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Werken im Netz, umschwenken, dann wäre der Aufwand ebenfalls nur noch minimal und die Debatte müsste nicht geführt werden, weil diese Regelung nur noch ganz wenige, nichtwissenschaftliche Texte betreffen würde. Die Verlinkung von Werken muss nämlich nicht gemeldet werden, wenn kein Upload erfolgt und Autor*innen könnten über sogenannte Zählpixel trotzdem ihre Entlohnung von der VG Wort erhalten, wenn sie dies wünschen (Mehr Informationen hierzu z.B. bei der Unibib Köln).

In diesem Sinne, eine frohe OpenAccess-Woche euch allen!
http://www.openaccessweek.org/

PS: Bitte mehr von solchen Campusradio-Beiträgen!

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel (Text) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Der Name der Urheber soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Matthias Andrasch für studieren.digital. Urheberrechtliche Angaben zu Grafiken, Videos oder anderen verwendeten Inhalten finden sich direkt bei den jeweiligen Inhalten.
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#FOEPodcast: Studierende als Treiber der Digitalisierung an Hochschulen?

Christian Friedrich und Markus Deimann haben in ihrem Feierabendbier: Open Education Podcast (bei Twitter #FOEPodcast) kurz über das Thema „Studierende als Treiber der Digitalisierung“ gesprochen – das Fazit von Christian Friedrich fällt sehr kritisch gegenüber diesem Vorhaben aus. Grund für die Diskussion war eine Fachtagung der SPD-Bundestagsfraktion in Berlin (#bidiwe16), auf welcher Jürgen Handke beschrieb, dass er Studierende als Treiber der Digitalisierung sieht. Auch weil andere Akteure in der Hochschule dies nicht leisten können (siehe vorheriger Beitrag im Blog: Warum eure Profs keine Zeit für digitale Lehre haben) – die Diskussion darüber ist ab Minute 46:00 zu hören:

Den RSS-Link zum Abonnieren des Podcasts findet ihr hier.

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