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Schlagwort: longread

Von universitären Analogburgen und digitalen Wolken

Vorsicht, #longread!. Dies ist ein Beitrag zur Blogparade: „Was macht ein Hochschulstudium aus?“ von Oliver Tacke.  Kommentierbare Version auf Google Docs hier.

Timo van Treeck, seines Zeichens Hochschuldidaktiker, hat die erste Frage „Was macht ein Hochschulstudium aus?“ schon klar beantwortet in seinem Beitrag Angewiesen auf Wissenschaftlichkeit:

„Die Einheit von Forschung und Lehre! (zumindest auf den ersten Teil der Frage). Ein Hochschulstudium bereitet (siehe auch die Folien hier) „auf berufliche und gesellschaftliche Handlungsfelder vor, die auf Grund ihrer Komplexität auf Wissenschaftlichkeit angewiesen sind“ (HRG, HZG NRW). Ich/Man soll also im Hochschulstudium Wissenschaft erlernen, am besten in dem ich Wissenschaft betreibe und darüber einen wisssenschaftlichen Zugang zu gesellschaftlichen und beruflichen Fragen entwickeln. Dieser wissenschaftliche Zugang bedeutet auch, dass es nicht nur um Problemlösungen geht, sondern darum sich in neuen Situation nicht nur adaptiv, sodern „transformativ“ zu verhalten (vgl. Reis 2014, S.95f), indem man nicht nur Lösungen findet sondern auch Probleme neu gestaltet, interpretiert und verändert. Um das zu können, muss ich selbst forschend aktiv werden.“

Oliver Tacke fragt weiterhin: Was davon ist warum digitalisierbar oder eben nicht warum nicht?

Ich selbst hatte das große Privileg, in zwei kleinen und speziellen Studiengängen zu studieren, in denen ich mit jeweils ca. 30 Mitstudierenden intensiv zusammengearbeitet habe (Audiovisuelle Medienbildung in Magdeburg sowie Pädagogik und Management in der Sozialen Arbeit in Köln). Große Vorlesungen waren hierbei eher die Ausnahmefälle, Seminare wurden mit hohen Anteilen von individuellen Ausarbeitungen wie Präsentationen und Hausarbeiten sowie Projekt-Gruppenarbeiten von Studierenden gestaltet. Und der Medieneinsatz war vor allem in Magdeburg ebenfalls sehr hoch, da Studierende Internetprojekte oder Medienprodukte wie Kurzfilme oder Video Essays als Prüfungsleistungen anfertigen konnten. Lag aber natürlich auch am Thema des Studiengangs. 😉 Ich könnte jetzt darüber schreiben, was für mich diese zwei Studiengänge ausgemacht haben – mache ich aber bewusst nicht, weil ich für diese Frage eine größere Perspektive einnehmen möchte, besser gesagt zwei Perspektiven:

Universitäre Analogburg-Perspektive vs. Digitalisierungswolken-Perspektive

Foto: Solomon_Barroa (CC0, Pixabay)

Meiner Ansicht nach wird in der allgemeinen Diskussion um #Digitalisierung und Hochschule sehr oft nur von einer Perspektive aus gedacht: Man geht von den derzeitigen Umständen aus, also von Studiengängen die vorrangig lokal in den Räumlichkeiten der Hochschulen stattfinden und von Studierenden, die jeden Tag den Weg in diese Räumlichkeiten finden. Wenn man nun fragt, was ein Hochschulstudium ausmacht, ist es logisch, dass Aspekte wie interessante Vorlesungen, inspirierende Gespräche mit Professor*innen oder die Gemeinschaft unter den Studierenden vor Ort genannt werden. Der physikalische Ort Hochschule in Form von Gebäuden und Vorlesungs- bzw. Seminarräumen ist das Zentrum dieser Erfahrungen. Hiermit eng verbunden sind soziale Phänomene und soziale Rituale (Vorlesungs- oder Mensabesuche), Erlebnisse und Begegnungen mit Personen wie Mitstudierenden und Lehrenden und Zugehörigkeitsgefühle zu Gruppen wie dem eigenen Studiengangsjahrgang. All dies macht ein Hochschulstudium derzeit(!) aus. Ich möchte diese Perspektive im folgenden die universitäre Analogburg-Perspektive nennen.

Die Bewohner*innen von universitären Analogburgen fühlen sich eigentlich wohl: Die Burgmauern haben sie schon mehrere Jahrhunderte beschützt, sie sind anerkannt in der Gesellschaft, genießen die Freiheit der Forschung und Lehre und haben innerhalb ihrer Mauern tolle Vorlesungsgebäude und große Bibliotheken, in denen ihr Wissen und ihre Forschung auf Papier gesammelt wird. Und zweimal im Jahr kommen große Scharen von neuen Studierenden freiwillig in ihre Analogburgen, um etwas zu lernen. Gut, für einige Analogburg-Bewohner*innen sind es inzwischen zu viele und zu wenig gute Studierende, aber was will man schon machen? Ansonsten ist die universitäre Analogburg ein großartiger Ort zum Denken, Arbeiten und Lernen!

Foto: Solomon_Barroa (CC0, Pixabay)
Foto: Solomon_Barroa (CC0, Pixabay)

Und nun kommen Personen vor diese Burgmauern, scheinbar euphorisch auf einer Digitalisierungswolke schwebend, und stellen alles in Frage, was in der Burg über Jahre aufgebaut wurde. Diese Personen tun dies meist mit dem Hinweis auf neue technische Möglichkeiten, die scheinbar vollständig ortsungebunden funktionieren. Für viele Bewohner*innen einer universitären Analogburg ist diese Digitalisierungswolken-Perspektive in den meisten Fällen eher bedrohlich als vielversprechend – wer weiß schon, ob ein großes Gewitter aus solchen Wolken entsteht? Trotzdem wurden über die Jahre verschiedene Zugeständnisse an die Personen aus den Digitalisierungswolken gemacht und so wurden Lernmanagementsysteme innerhalb der Burgmauern errichtet und Computer in die Bibliotheken gestellt. Und doch ziehen die Digitalisierungswolken nicht weiter und die Personen aus den Wolken nörgeln weiter und sagen, dass ihnen das alles noch viel zu wenig ist.

So bilden sich bewusst oder unbewusst zwei Pole zwischen den Perspektiven aus, zwischen denen digitale Möglichkeiten, Meinungen und Strategien dann verhandelt werden – was der Diskussion nicht immer gut tut und im schlimmsten Fall zu einem Bollwerk führt, welches auf einer – oder auch auf beiden Seiten errichtet wird. Was folgt sind Grabenkampf-Diskussionen, wenn es um Digitalisierung und Hochschule geht. Am bildlichsten könnte man diese Diskussionen der beiden Perspektiven wohl an diesem Beispiel beschreiben:

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