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Streamsmart handeln?!

Die Welt kannte bisher Booksmarts und Streetsmarts. Was aber sind Streamsmarts? Und wie kann man ein Streamsmart werden? Ist das überhaupt erstrebenswert?

Dies ist der Auftaktartikel für das Blogprojekt generation-streamsmart (Mehr über das Projekt erfährt man auf der About-Seite). Die gedanklichen Hintergründe zum Projekt habe ich zum Start des neuen Blogs in sechs Kapiteln versucht zu beschreiben. (Das Projekt wurde inzwischen wieder beerdigt ;-)). Der Text steht in verschiedenen Format zur Verfügung und steht unter einer freien Creative Commons Lizenz (CC BY 4.0), d.h. er kann frei weiterverwendet und vielfältig bearbeitet werden (Stichwort: Remix). Kritische Kommentare gerne gesehen!

Version: 0.1


Generation Streamsmart?!

  1. Was sind Streamsmarts?
  2. Wer gehört zur „Generation Streamsmart“?
  3. Streamsmarts und die vernetzte, mit Daten durchzogene Welt?
  4. Sind Streamsmarts wirklich ein neues Phänomen?
  5. Streamsmarts und die elementare Bedeutung von Offenheit
  6. Wie wird man streamsmart?

1. Was sind Streamsmarts?

Vorwort: In meinen bisherigen Texten habe ich mich eher theoretisch mit einem Durchbruch beschäftigt, der durch vielfältige Datenerhebungen und Analysetechniken wie Big Data ausgelöst wurde und inzwischen allgegenwärtig ist. Diesen habe ich Data Breakthrough genannt. Eine Konsequenz des Data Breakthrough: Ein Kontrollverlust, der vom Kulturwissenschaftler Michael Seemann sehr treffend charakterisiert wird (siehe Das Neue Spiel oder Vortrag aus dem Jahr 2016).
In diesem Blogprojekt soll es nun etwas praktischer zugehen und ich möchte mich gemeinsam mit euch, den Follower*innen, der Herausforderung nähern, wie man sich unter diesen gesellschaftlichen und technologischen Realitäten produktiv und doch reflektiert verhalten könnte – ganz gleich, ob im Beruf, der Freizeit oder in Schule, Ausbildung oder dem Studium. Hierfür möchte ich an das Streamsmart-Konzept anknüpfen, welches seine Ursprünge bei der Unterscheidung von Book- und Streetsmarts hat:

Booksmarts vs. Streetsmarts

Gunter Dueck beschreibt im Buch Schwarmdumm die Unterteilung von Personen in Booksmarts und Streetsmarts, die z.B. im amerikanischen Raum gerne genutzt wird. Kurz von mir zusammengefasst: Booksmarts sind Personen, denen man nachsagt, dass sie ihr Wissen hauptsächlich theoretisch erworben haben, z.B. indem sie viel Literatur gelesen haben. Streetsmarts ziehen ihr Wissen hingegen aus der Praxis, dem Alltag und ihren Mitmenschen um sie herum – sie lernen „auf der Straße“. Beides sind Begriffe, hinter denen sich Kritik verbirgt: Booksmarts sind in der Praxis unter gewissen Umständen hoffnungslos verloren, Streetsmarts können ihr Handeln meist nicht mit Theorien oder Fachwissen verknüpfen. Heißt im Arbeitsalltag: Booksmarts wissen eventuell viel über die Theorie von Angebotsverhandlungen, scheitern aber unter Umständen in der Praxis, weil sie mit ihrem Gegenüber und der sozialen Situation nicht klarkommen.

Streamsmarts?

Durch einen Twitter-Dialog mit Dueck bin ich auf die dritte Kategorie gestoßen: Die Streamsmarts, die erst durch die weltweite Vernetzung möglich wurden.

Der Autor und Berater Venkatesh Rao beschreibt anhand mehrerer Punkte in einem Newsletterbeitrag, was Streamsmarts seiner Meinung nach auszeichnet. Der faszinierendste Punkt aus dieser Liste war für mich folgender:

12/ For most people, the smartest way to ‚read‘ Piketty is to read the dozens of expert reviews/summaries and participate in online conversations about inequality.

Rao begründet diesen Punkt mit einer Statistik zum Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Piketty: Die Datenauswertungen von Amazons E-Bookangebot Kindle zeigen laut Rao, dass nur sehr wenige Menschen das Werk tatsächlich zu Ende lesen – wenn sie es überhaupt bis Seite 20 schaffen. Pikettys Werk ist 816 Seiten stark, was die klassischen Booksmarts vermutlich nicht von der Lektüre abhalten würde. Ein Streamsmart wählt aber eher einen anderen Weg. Der Videoessay-Autor Nerdwriter1 visualisiert einen solchen Weg an einem Recherchebeispiel: Was ist Stoizismus? (Darstellung im Video ab Minute 2:24):

Statt nur in der stillen Ecke zu sitzen mit einem 800-Seiten-Buch begibt sich ein Streamsmart also in eine Art Netzwerk, indem zwar irgendwie noch die alten Regeln der Buchkultur gelten und das Format Buch weiterhin Bedeutung hat, aber sich ebenso neue Formate, neue Kanäle und somit neue Spielregeln und Wissensräume ergeben.

2.Wer gehört zur „Generation Streamsmart“?

Nachdem im ersten Kapitel beschrieben wurde, was Streamsmarts laut Rao auszeichnet, stellt sich nun die Frage, wer zu einer „Generation Streamsmart“ gehören könnte. Die Generation der Streamsmarts kann für mich nicht auf eine Altersgruppe eingegrenzt werden, wie es sonst bei Generationsbeschreibungen gerne und oft praktiziert wird. Die Auseinandersetzung um den Mythos „Digital Natives“ sollte gezeigt haben, dass das Aufwachsen in einer vernetzten Welt nicht automatisch bedeutet, dass man sich die Potenziale oder bestimmte Fähigkeiten auch aktiv aneignet.

Junge Menschen können heute weiterhin als Book- oder Streetsmarts aufwachsen ohne den Aspekten im geringsten nahezukommen, die Rao für Streamsmarts identifiziert hat.

Instinktiv stellt sich vermutlich jetzt die Frage bei euch, welches Konzept denn nun den anderen überlegen ist. Laut Venkatesh Rao waren Booksmarts und Streetsmarts gegensätzliche Entwürfe,  die miteinander konkurrierten. Er sieht die Booksmarts als klare Gewinner der Geschichte:

4/ By almost every measure, book smarts won, with both good and bad consequences, and we can analyze that problematic victory to death, but let’s not.

Interessant ist nun, dass er die Streamsmarts als Synthese beider Beschreibungen ansieht, nicht als drittes konkurrierendes Konzept:

5/ Instead, let’s ask, what comes after? Street smarts was the thesis, book smarts was the antithesis. Stream smarts is the synthesis.

3. Streamsmarts und die vernetzte, mit Daten durchzogene Welt?

Wie lässt sich das Konzept mit einer Welt voller Datenanalysen und Überwachungsmaßnahmen vereinbaren? An dieser Stelle gelangen wir zu dem spannenden Punkt, dass Streamsmarts ohne die Möglichkeiten der modernen Datenverarbeitung nicht möglich wären:

“In the 21st century, both book smarts and street smarts are obsolete concepts. What would you call great Google-Fu skills? What about reputation on a site like Stack Overflow. Or a when-to-use-snopes instincts?”

Googlen, also das World Wide Web durchsuchen und nach Relevanzkriterien sortieren lassen, wird erst durch riesige Serveranlagen möglich, die ständig Daten durchforsten. Alle Plattformen müssen jeden Tag eine unglaubliche Menge an Informationen für ihre Nutzer*innen aufarbeiten.

Hier finden sich meiner Meinung nach zwei wichtige Eigenschaften, die eine „Generation Streamsmart“ auszeichnen könnten und in dem Sinne von Rao noch nicht beschrieben werden. Sie sind die gedankliche und praktische Grundlage für Streamsmarts:

  1. Den digitalen Kontrollverlust anerkennen
  2. Datenanalyse als wichtige Entscheidungsgrundlage reflektieren

1. Den digitalen Kontrollverlust anerkennen

Streamsmarts sind sich bewusst, dass das Netzwerk ein Kommunikations- und Interaktionsraum ist, welcher derzeit eine riesige menschliche Feldstudie ist, da ein Großteil der Kommunikation und Interaktion unverschlüsselt gespeichert wird. Ausgewertet werden die Daten dieser Feldstudie von ganz unterschiedlichen Akteuren – ob im geschlossenen Kreis von unternehmenseigenen Analysten wie bei Facebook, offen und frei verfügbar für Wissenschaftler*innen wie bei der Entwickler-Community Stackoverflow oder im legalen oder illegalen Bereich von staatlichen Behörden bzw. anderen Personen. Provokant formulierte es ein befreundeter Kulturwissenschaftler von mir so: „Wir wissen spätestens seit den Snowden-Enthüllungen, dass wir bereits in einer bestimmten Version von Orwells 1984 leben. Diese ist nur nicht so dystopisch ausgefallen wie in Orwells Werk“.

Ein Beispiel: Dem eigenen Smartphone kann schon heute nicht mehr vertraut werden, wenn es darum geht, welche Daten da eigentlich produziert und weitergegeben werden (siehe Markus Beckedahl, netzpolitik.org)

https://www.facebook.com/ZDFzoom/videos/1198860420232737/

Wobei allgemein sehr fraglich ist, ob diese uns jemals allein gehört haben (siehe Mein digitaler Zwilling gehört mir) oder ob es in einer dynamischen und digital-vernetzten und globalisierten Welt überhaupt möglich ist, eine strenge und wirksame Kontrolle über die Datenerhebung und Analyse zu haben.

Kulturwissenschaftler Michael Seemann beschreibt in Das Neue Spiel den Kontrollverlust, der uns schon längst ereilt hat:

Diesen Kontrollverlust anzuerkennen oder zumindest zu berücksichtigen ist meiner Ansicht nach zentral für Streamsmarts, da so ein unreflektierter Technikoptimismus verhindert wird. Gleichzeitig findet hiermit ein Abschied vom eher utopischen Bild des souveränen, datensparsamen Individuums statt, welches ganz genau kontrollieren kann, welche Daten ins Netzwerk eingespeist werden und mit welchen eindeutigen Konsequenzen dies vermeintlich verbunden ist.

2. Datenanalyse als wichtige Entscheidungsgrundlage reflektieren

Neben dem Kontrollverlust gibt es eine weitere Baustelle in der modernen Welt: Die menschliche Wahrnehmung kann stark mängelbehaftet sein. Phänomene wie den confirmation bias, die oft gefürchtete, aber kaum belegbare Filterbubble oder activate information avoidance sind nur einige Punkte einer langen Liste. Der Podcast You are not so smart widmet sich diesen psychologischen Themen der menschlichen „Selbsttäuschung“ ausführlich. Auf lifehacker.com gibt es eine Grafik mit 20 weiteren psychologischen Phänomenen: This Graphic Explains 20 Cognitive Biases That Affect Your Decision-Making.

Wie geht man also damit um? Datenanalysen und Statistiken dienen inzwischen als kritische Überprüfung menschlichen Urteilens. Annahmen von der Welt sowie anstehende oder vergangene menschliche Entscheidungen werden bereits jetzt mit Daten hinterlegt, hinterfragt und widerlegt. Die Welt wird auf den Datenprüfstand gestellt.

Was meine ich damit genau? Ebenso wie der von Rao beschriebene Mythos, dass alle Pikettys Buch bis zum Ende lesen, zerbröckeln auch andere Annahmen, wenn Daten analysiert werden. Das ist kein brandneues Phänomen: So zeigte der Datenexperte Hans Rosling bereits 2006, dass die oft propagierte, simple Einteilung der Welt mit Hilfe von sogenannten Entwicklungsländern statistisch nicht belegt werden kann. Sein TED Talk hat inzwischen über 11 Millionen Views: The best stats you’ve ever seen. Hans Rosling wertete staatliche Gesundheitsdaten aus, die seit 1962 in gutem Umfang zur Verfügung stehen.

Die Debatte um datenbasierte Entscheidungen (data-based decision making) ist ebenfalls ein gutes Beispiel: Autor Michael Lewis zeichnet in Moneyball (2003) die Entwicklung nach, als Datenexpert*innen in der amerikanischen Baseballliga angeheuert wurden, um das Scouting zu verbessern. Das Buch wurde 2011 verfilmt:

Die Einsicht war hierbei, dass vermeintlich objektive Experten (in diesem Fall Baseballscouts) deutlich subjektiver oder emotionsgeleiteter entscheiden, als sie es selber zugeben würden oder überhaupt zugeben könnten. In seinem aktuellen Werk „The Undoing Project“ geht Lewis tiefer in der Geschichte zurück und befasst sich mit den israelischen Psychologen Amos Tversky und Danny Kahneman, die diese Einsicht schon vor Moneyball in den 60er Jahren wissenschaftlich erforscht haben:

Podcast-Episode: The Men Who Started a Thinking Revolution (Freakonomics Radio)

Durch das Internet sind nun Möglichkeiten hinzugekommen, die die weltweite Datenerhebung im Vergleich zu damaligen Methoden extrem einfach möglich machen. Ein Beispiel: Im Kontext von Big Data Auswertungen ist Netflix bspw. für seine 93 Millionen weltweiten Nutzer*innen aktuell zum Ergebnis gekommen, dass eine Einteilung von Menschen in regionale Gebiete keinen Bestand hat (qz.com):

Before 2016, Netflix also made recommendations based on where viewers were in the world. It assumed, like many others, that subscribers in Poland would have different tastes than subscribers in Brazil. But the data showed those generalizations didn’t hold true.

Dies ist nur ein kleines Beispiele für mögliche Erkenntnisse, die ohne große und/oder weltweite Datenerhebungen nicht möglich wären und welche praktisch in Echtzeit analysierbar sind. Natürlich müssen diese Ergebnisse ebenso kritisch beleuchtet werden, mit anderen Methoden abgesichert, ergänzt oder kritisiert werden. Danah Boyd weist im Artikel Toward Accountability. Data, Fairness, Algorithms, Consequences auf die riesengroßen Herausforderungen hin, wenn es bspw. um datengestützte Entscheidungen von Richter*innen geht.

Zudem erfordern unterschiedliche Methoden ein konkretes Verständnis über die Aussagekraft und Grenzen. Man muss hierfür kein*e Statistiker*in sein, um dies zu verstehen: Viktor Mayer-Schönberger beschreibt bspw. in Bezug auf die Konsequenzen von Big Data, dass mit diesen Auswertungsverfahren Korrelation statt Kausalität Einzug in die Entscheidungen gehalten hat. Ein bedeutsamer Unterschied, wenn es um die Interpretation der Ergebnisse von Big Data Methoden geht – hier prägnant und kurz erklärt:

Big Data war nur der Anfang

Mit Blick auf die Entwicklung von sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) stellt sich die Frage nach der Aussagekraft der produzierten Ergebnisse und den Grenzen erneut. Dass die Datenanalyse schnell wieder verschwindet, schätze ich als unrealistisch ein. Sie ist das Fundament der vernetzten Welt.  Mit Blick auf die nahe Zukunft werden alle neuen Entwicklungen dem großen Netzwerk und seinen Datenerhebungen und -auswertungen ebenfalls einverleibt bzw. direkt darin implementiert. Beispiel hierfür sind Machine Learning Techniken, Augmented/Virtual Reality Umgebungen, Smart Cities und alles, was noch kommen mag (und sich durchsetzt). Bei allen Entwicklungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Datenanalysetechniken eingesetzt.

Der digitale Kontrollverlust sowie die sich derzeit ausweitende Datenanalyse als Entscheidungsgrundlage sind die gedankliche Basis für Streamsmarts. Es ist das Spielfeld, auf welchem sie tätig werden. Die Teilnahme am neuen Spiel erfordert die Inkaufnahme aller möglichen Vor- und Nachteile sowie der unklaren Konsequenzen. Das bedeutet auch, dass Abschied genommen wird vom Konzept der Datensparsamkeit. Denn: Ohne die offene Teilhabe in Sozialen Netzwerken oder den Zugriff von Inhalten bei Plattformen, ohne die Nutzung von Apps auf Smartphones, ohne das zwangläufige Produzieren von Daten also ist streamsmartes Verhalten derzeit nicht möglich.

Das heißt nicht, dass man dies unkritisch akzeptieren muss bzw. diesen Entwicklung vollständig ausgeliefert ist, ohne politisch oder gesellschaftlich darauf Einfluss nehmen zu können. Die Dokumentarfilmerin Theresia Reinhold arbeitet derzeit bspw. am inklusiven Filmprojekt information-doc.org, welches u.a. durch Crowdfunding finanziert wird und die globale Massenüberwachung besser verständlich machen soll. Zudem engagieren sich zahlreiche Initiativen und Vereine wie netzpolitik.org, Algorithm Watch, EDRI oder einzelne Akteure wie Max Schrems mit der politischen und rechtlichen Gestaltung.

4. Sind Streamsmarts wirklich ein neues Phänomen?

All diese Informationen habe ich nun online zusammengetragen und es finden sich im Netz wahrscheinlich viele Gegenargumente sowie kritische Anmerkungen zu jeder meiner Beschreibungen oder den verwendeten Quellen. Das alles ist nicht bahnbrechend neu: Ein Buch stand noch nie für sich allein und war ebenso stets in ein Netzwerk von Rezensionen oder kritischen Erwiderungen, bspw. in Tageszeitungen oder folgenden Publikationen, eingebettet. Aber noch nie konnte dieses spezifische Netzwerk sich so schnell aufspannen und so schnell abgerufen werden. Das große Netzwerk schluckt die kleinen Netzwerke der Buchkultur und verleibt sie sich ein. Es ist nicht mehr so geordnet wie wissenschaftliche Publikationen, die sich geordnet per Zitation aufeinander beziehen, sondern das große Netzwerk spannt sich zwischen Blogkommentaren, Podcasts, Tweets, Youtube-Videos (und sehr viel Lärm) dynamisch auf. Es steht scheinbar nicht still, generiert ständig Daten und basiert meistens auf Hyperlinks, die ebenso schnell wieder verschwinden können. Und es wird derzeit zum großen Teil über Analyse-Algorithmen und Suchmaschinen-Abfragen organisiert, nicht allein über menschliche Einsortierungen oder Gatekeeper wie Buchverlage, Druckereien oder Zeitungen, die historisch betrachtet die Vorherrschaft hatten und somit das Sagen, wer etwas publizieren darf und wer nicht (Siehe Query-Begriff in Das Neue Spiel).

Und wie es nerdwriter1 im atemporality-Video formulierte:

„The network doesn’t respect history or tradition“

Zumindest nicht zwangsläufig: Ein jahrelang geschriebenes Buch kann in einer Suchmaschine unter einen 10-minütigen Blogartikel rutschen, der im Netz an Relevanz gewinnt. Oder jemand kommentiert einfach „Bullshit“ unter den Blogartikel einer wissenschaftlichen Fachexpertin, um ein einfacheres Beispiel zu nennen. In früheren Zeiten wäre dieses „Bullshit“ nicht einfach so weltweit abrufbar gewesen, sondern hätte über irgendeinen Medienkanal publiziert werden müssen. Es gab also eine Art Schutzfunktion, die Sascha Lobo sehr eindrücklich beschreibt im Vortrag Das Ende der Gesellschaft:

Die Liste könnte beliebig weiter geführt werden. Das alles sind Netzwerk-Eigenschaften, die meiner Ansicht nach andere oder erweiterte Fähigkeiten erfordern , weswegen ich Raos Liste zu Streamsmarts zustimme und das Konzept gerne als gedankliche Zielperspektive für den Blog einsetzen möchte.

5. Streamsmarts und die elementare Bedeutung von Offenheit

Warum ist Offenheit eine zentrale Bedingung für Streamsmarts?

Booksmarts verbleiben in den kleinen, spezifischen und historisch gewachsenen Buchkultur-Netzwerken, die eigene Logiken für Reputation und Wertschätzung haben. Das große Netzwerk ist für Booksmarts ein netter oder nerviger Zusatz, aber auf keinen Fall ‚überlebenswichtig‘ oder ein favorisierter Ort.
Streamsmarts hingegen bewegen sich lieber im großen Netzwerk und würden dieses am liebsten als Standard für den Wissensaustausch durchsetzen. Die Motive und Begründungen können hierfür ganz unterschiedlich sein, aber genau an diesem Punkt verläuft für mich die Trennlinie zur „Generation Streamsmart“: Für Streamsmarts ist nicht on- oder offline ausschlaggebend, sondern wie offen der Wissensaustausch möglich und gewollt ist; ob eine wissenschaftliche Tagung oder ein Event wie Köln spricht ihre Inhalte per Livestream nach außen verbreitet oder eben nicht. Ob man besser vor Ort oder per Twitter diskutieren kann, ist nicht die Frage für Streamsmarts – sondern die Frage ist, ob die zeitnahe(!) Teilnahme an der Diskussion überhaupt möglich und gewollt ist, wenn man nicht vor Ort sein kann.

Es ist nicht meine Zielvorstellung, dass alles live im Netz stattfinden muss. Ebenso können Inhalte vorab (z.B. flipped conference) oder nachträglich zur Verfügung gestellt werden. Die Möglichkeiten und Formate (Video, Audio, Präsentation, Etherpaddokumentation, etc) sind vielfältig, aber sie müssen eben strategisch mitgedacht werden. Das Verbreiten von Inhalten kann hierbei keine Hürde oder Ausrede mehr sein: Ein Smartphone mit WLAN und der Periscope-App reicht im Jahr 2017 aus, um Teilhabe zu ermöglichen.

Dass es hierbei ebenfalls nicht darum gehen sollte, nur grenzenlose Offenheit zu fordern, zeigte Leonard Dobusch kürzlich am Trugschluss der Wikipedia in seiner Antrittsvorlesung in Innsbruck. Die Wikipedia Community hat mit einigen Communityproblemen zu kämpfen, weil grenzenlose Offenheit unter Umständen doch zum Ausschluss von bestimmten Personen oder Personengruppen führen kann, z.B. wenn einige Mitglieder destruktiv die Arbeit anderer kommentieren oder blockieren:

Eine Frage der Motive

Es lässt sich sicherlich auch ein Konzept einer „Generation Streamsmart“ entwickeln, welches abgekoppelt von Offenheitsbemühungen existiert. Im Blog werde ich mich jedoch auf ein offenes Bild von Streamsmarts beziehen, weil ich der Ansicht bin, dass ohne diese Open-Strategien streamsmartes Handeln mit zu vielen Hürden versehen ist bzw. in einigen Fällen unmöglich ist. Nur durch offene Teilhabemöglichkeiten ist “streamsmartes” Verhalten möglich – wenn nichts im Netz publiziert wird oder der freie Zugang zu Inhalten im Netz verwehrt wird (Stichwort Paywall), dann findet sich kein Anker und somit nichts, was in den Stream einfließen und dort bearbeitet werden kann.

Mein persönliches Motiv ist hierbei die Förderung von Chancengerechtigkeit: Erst wenn Menschen überhaupt offenen Zugang zu Diskussionen, Inhalten oder anderen Ressourcen haben, bekommen  sie die Chance, ihre eigenen oder globale Problemstellungen mit diesen Informationen bzw. diesem Wissen selbstständig und/oder in der Gemeinschaft anzugehen. Diese Grundlage wird nicht geschaffen, wenn die alten, kleinen und meist geschlossenen oder mit kostenpflichtigen Hürden versehenen Buchkultur-Netzwerke in dieser Form beibehalten werden. Daher vertrete ich die Meinung, dass Open Access, OER, Open Science sowie weitere Open-Strategien gestärkt werden müssen.

Die erste Stufe: Inhalte und Prozesse offen publizieren

Was bedeutet das konkret? Ein großartiges Beispiel für Offenheit und Chancengerechtigkeit ist die erste offene Doktorarbeit von Christian Heise, bei welcher die Entstehung online mitverfolgt werden konnte. Selbst wenn ich niemanden persönlich kenne, der eine Doktorarbeit geschrieben hat, kann ich hier einen fast dreijährigen Schreibprozess nachvollziehen und eventuell davon lernen:

Die Übersicht der Commits auf Github als grafisches Diagramm
Übersicht über die Änderungen an der Doktorarbeit im Verlauf der Zeit (Screenshot github.com, nicht unter freier Lizenz)

 

Die nächste Stufe: Freie Bearbeitung durch Streamsmarts

Der freie Zugang ist nur ein erster Schritt, denn wirklich zentral sind die 5R von David Wiley, wenn man Offenheit und Streamsmarts zu Ende denkt und nicht nur auf den Konsum und die Kommentierung von Inhalten abzielt, sondern auch auf die kollaborative Organisation von Wissen, der Bearbeitung und den Möglichkeiten von Remixprodukten. Hierfür setzen sich bspw. zahlreiche Creative Commons Akteure weltweit ein:

Inhalte sind nur ein Teil des großen Puzzles

Offenheit muss sich hierbei nicht zwangsläufig auf den freien Zugang zu Informationen oder die freie Verwendung beschränken, sondern es kann auch darum gehen, einen offenen Dialog zwischen Menschen zu ermöglichen. In Bezug auf Chancengerechtigkeit ergibt sich hier die große Chance, von anderen zu lernen, bspw. auch Zugang zu Mentor*innen zu erhalten. Beispiele wie die Initiative Arbeiterkind.de zeigen, dass es heutzutage möglich ist, lokale Gruppen und Onlinecommunities zu verknüpfen.

Offener Zugang allein bedeutet jedoch noch nicht, dass keine Barrieren in Bezug auf Teilhabemehr existieren . Die Herausforderung, die sich aus Dobuschs Ausführungen ergibt: Der Grad der Offenheit muss den jeweiligen Inhalten, Zielstellungen und Rahmenbedingungen angepasst werden.

6. Wie wird man streamsmart?

Wie lernt man es nun, streamsmart zu handeln?

Zusammengefasst gibt es also mehrere Merkmale, die ich bei Venkatesh Raos Streamsmart-Liste noch ergänzen würde:

  1. Streamsmarts sind sich bewusst, dass sie aktuell auf der Grundlage der weltweiten Datenerhebung und -analyse operieren, mit all den Vor- und Nachteilen, die diese Grundlage mit sich bringt (siehe Kapitel 3)
  2. Streamsmarts nehmen die Entwicklung wahr, dass die Welt immer mehr durch Datenanalysen gestaltet wird, dass bestehende Annahmen hinterfragt werden können sowie ganz neue Erkenntnisse hervorgebracht werden können.
  3. Streamsmarts erkennen Bemühungen um Offenheit als elementar an, wenngleich der Grad der Offenheit jeweils diskutiert und angepasst werden kann. (siehe Kapitel 5)

Streamsmartes Handeln erlernen?

Für junge Menschen spielt hier die Schule, Ausbildung oder Studium eine große Rolle, für Erwachsene eher der Bereich Weiterbildung. Dummerweise ist nur in diesen Bildungsinstitutionen die räumliche Präsenz und lokale Nähe meist gegeben, sodass Zusammenarbeit und Wissensaustausch zum einen über Bücher und zum anderen meist rein analog in Papierform erledigt wird. Und falls doch online gelernt wird, dann ohne die herkömmlichen Strukturen nachhaltig zu verändern. (Siehe Warum E-Learning gescheitert ist). Das alles hat teilweise gute Gründe, aber ebnet dann eben nicht den Weg zu einer Generation Streamsmart, sondern weiterhin zur Generation Booksmart, weil Lernende sich nicht im großen Netz bewegen können oder aktiv dazu ermuntert werden, streamsmart zu denken oder zu arbeiten. Hinzu kommen spezifische Probleme wie das bestehende Konkurrenzdenken zwischen Wissenschaftler*innen, die eine offene Kommunikation im Netz oder streamsmartes Verhalten schon im Keim ersticken. Für all diese Kritikpunkte gibt es beeindruckende Ausnahmen im deutschsprachigen Raum, die aber allesamt derzeit leider nur die Regel bestätigen aus meiner Sicht.

Die gute Nachricht

Streamsmartes Verhalten kann man sich auch selber aneignen – bewusst oder unbewusst. Kinder und Jugendliche erfahren heute bereits in Minecraft, dass sie gemeinsam in Echtzeit an Bauwerken bauen können sowie sich in Foren, Facebook-Gruppen oder auf Youtube sich zu Minecraft-Problemen und Themen austauschen können sowie von anderen lernen können. Sie erschaffen damit ein eigenes Ökosystem, in den streamsmartes Handeln grundsätzlich möglich wird. Hier ein Beispiel, wie mehrere Minecraft-Spieler*innen gemeinsam online ein Bauwerk entwerfen können sowie ein ausführliches Video zu Minecraft und Pädagogik:

https://www.youtube.com/watch?v=5ZFE_QvzO5M

Die schlechte Nachricht

Nicht jede*r spielt Minecraft und nicht jede*r Person ist dazu in der Lage, sich diese Fähigkeiten selbst anzueignen. Sei es der verwehrte Zugang, ein Mangel aus finanziellen Gründen, fehlendes Wissen, mangelnde Vorstellungskraft oder fehlende Ermutigung von anderen Menschen – Streamsmarts werden in den nächsten Jahren nicht einfach aus dem Boden sprießen. Wer jetzt direkt nach einem Pflichtunterrichtsfach oder einem Internetführerschein für „Streamsmartes Verhalten“ schreit, wird ebenfalls enttäuscht, wenn man auf Raos Ausführungen schaut:

32/ These are not finite measures of „smarts“ where you „win“ by doing a determinate amount of work to level up your smartness.

33/ There are no tests to pass. Not academic standardized tests, or „street cred“ tests based on, say pulling off a badass stunt or dare.

34/ Stream measures focus on the infinite game. The goal is not to „win“ but to continue playing more mindfully. What book-smart types call a praxis.

Streamsmarts kommen also nie an einem Punkt an, an welchem sie sich selbst als fertige Streamsmarts bezeichnen können. Was nur konsequent ist, da sich die technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen jeden Tag aufs neue ändern können (Interessant wäre an diesem Punkt die von Philippe Wampfler genannte Innovationsspirale in Bezug auf Kompetenzen oder eventuell eignen sich Agile Herangehensweisen, die Hendrik Epe für den sozialen Berufsbereich vorschlägt.

Um dieses scheinbar endlose Spiel mit all seinen Facetten soll es hier im Blog gehen: Berichte zu Tools und Apps, unfertige Gedanken, Tipps zur Streamorganisation, Hinweise auf gesellschaftliche Entwicklungen wie die Herausforderung der Automatisierung oder Artikel über Durchbrüche bei Machine Learning bzw. Künstlicher Intelligenz. Zudem stellt sich meiner Ansicht nach die immense Herausforderung, fokussiert zu sein, während ständig Streaminhalte produziert werden.

Ich freue mich sehr auf den streamsmarten Austausch im Netzwerk mit euch! Kritik, Hinweise und Ergänzungen sind gerne gesehen! Mir und dem Projekt Generation Streamsmart folgen: Instagram

Disclaimer: Einige Begriffe wie Netz, Netzwerk, Stream, Information, Wissen, Handlen, Praxis etc. wurden sehr unscharf verwendet. Für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung müssten hier deutlich konkretere Begriffsbeschreibungen und Abgrenzungen benutzt werden – es handelt sich bei diesem Text lediglich um einen Aufschlag und Impuls. Kritisches Feedback ist gerne gesehen!

Creative Commons Lizenzvertrag Gerne weiterverwenden! Dieser Artikel (Text) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Der Urheber soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Matthias Andrasch für generation-streamsmart.de. Urheberrechtliche Angaben zu Grafiken, Videos oder anderen verwendeten Inhalten finden sich meist direkt bei den jeweiligen Inhalten. Titelbild des Beitrags: Foto: Pexels (Pixabay/CC 0 Lizenz)

 

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