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Lehre von 1 Team statt von 1 Prof? #NaiveFrage

Neue Herausforderungen erfordern neue Wege? Zusammenarbeit, Kollaboration, Vernetzung, Interdisziplinarität, Team- und Projektarbeit – all diese Schlagworte werden gerne benutzt, wenn es um die zukünftigen Herausforderungen geht, die Studierende meistern sollen. Aber wie Ernst werden sie eigentlich von Professor*innen und Entscheider*innen an Unis und FHs genommen, wenn es um Lehre geht?

1 Prof, der alles können muss?

Beim Livestream gucken der Abschlussveranstaltung des Hochschulforums Digitalisierung war mal wieder von Bremsern die Rede, also bspw. von Lehrenden, die sich einer modernen Lehre mit Medieneinsatz verweigern. Ich musste spontan an einen Vortrag auf dem Studentischen Soziologiekongress 2011 in Berlin zurückdenken: Das Thema damals war Komplexe Neue Welt und es ging auch damals schon viel ums Internet, damals noch in Version 2.0. Den Einstiegsvortrag hielt Manfred Füllsack, Sozialwissenschaftler und Professor für Systemwissenschaften. Er sprach über viele spannende und komplexe Sachen, aber im Kopf blieb mir die Spezialisierung – eine Form der Organisation, welche im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden ist. Weil sich wohl schon früh rausgestellt hat, dass es insgesamt zielführender ist, dass eine Person sich auf Fische fangen spezialisiert, eine andere Person sich auf Brot backen spezialisiert und man dann gemeinsam Fisch mit Brot essen kann bzw. man dann Handel betreibt. Ökonomisch gesehen ist dass das Prinzip der Arbeitsteilung, welches hier sehr plakativ erklärt wird:

Kurz: Wenn sich alle spezialisieren, bringt es (theoretisch) für alle einen Zeitvorteil. Und Zeit ist ein spannendes Thema, denn Jürgen Handke hatte ich ja hier schon im Blog verlinkt mit der These, dass viele Lehrende vermutlich unter chronischer Zeitnot leiden:

Also – was tun?

1 weitere Person, die mit dem Prof zusammenarbeitet?

Zwei männliche Forscher schauen durch ein Doppel-Mikroskop, also an welchem zwei Personen sich ein Objekt anschauen können
Zwei Forscher blicken zusammen auf 1 Objekt (Pixabay / CC0)

Gut, denke ich mir – wenn also viele Lehrende keine Zeit haben für den ganzen Medien- und Digitalisierungskram, den ich ja auch gerne fordere, warum teilt man die Arbeit dann nicht einfach auf und arbeitet als Team? Also indem man dem oder der Lehrenden, der ja Forschender und auch Experte seines Faches oder Themas ist, eine Person (oder mehrere Personen) an die Seite stellt, die z.B.

  • sich konzeptionell und mediendidaktisch Gedanken macht, wie man ein Seminar oder eine Vorlesung zielführend gestalten kann zu einem bestimmten Thema, je nach Anzahl der Teilnehmenden und den Zielen,
  • sich um den Online-Kursraum im LMS oder anderen Systemene kümmert und mehr Funktionen als den PDF-Upload nutzt,
  • sich in gewisser Art Community Management (?) o.ä. betreibt und Anfragen von Studierenden zur Kursorganisation beantwortet, Ankündigungen verschickt,
  • Kursinhalte auch in Form von Open Educational Resources nach außen trägt oder bestehende OER-Inhalte für den Kurs anpasst,
  • alternative Prüfungsformen kennt, die digitale möglich sind,
  • sich mit anderen Hochschulen und deren Online-Aktivitäten vernetzt ist und Aktivitäten bünden kann,
  • sich mit Urheber- und Nutzungsrechten bzgl. digitaler Inhalte auskennt,
  • etwas von ebenfalls drängenden Fragen wie Diversity, Barrierefreiheit, Inklusion, etc. versteht und
  • welche vielleicht noch weitere tolle Ideen und Szenarien (Flipped, Inverted, etc.) mit in die Lehrveranstaltung bringt und gemeinsam mit dem oder der Professorin ein erfolgreiches Team bilden könnte?

Eine genaue Berufs- oder Stellenbezeichnung ließe sich hierfür bestimmt finden.

Warum geht es meist nur um einen oder eine Professorin?

Zwei Frauen schauen auf einen Computerbildschirm
Zwei Frauen schauen gemeinsam auf 1 Bildschirm (Unsplash/CC0)

Wenn es allgemein um die Steigerung der Qualität von Lehrveranstaltungen geht, warum setzt man da auf eine einzelne Professorin oder einen einzelnen Professor, der alle Fähigkeiten mitbringen soll oder diese sich jetzt noch möglichst schnell aneignen soll? Wie soll die Betreuung von Online-Lernformaten gewährleistet werden, wenn schon die E-Mailflut kaum zu bewältigen ist? (These!) Also warum spricht man nur über die einzelne Lehrperson, die ihre Rolle verändern soll? Der Zeitmangel und die Vorteile des Prinzips der Arbeitsteilung bzw. der Spezialisierung (und die aktuelle Situation an Hochschulen) sprechen doch eigentlich dagegen, oder? (In Punkto Qualität gibt es Anzeichen, dass es zumindest bei den Fachhochschulen nicht ganz rund läuft derzeit)

Auch dieses Zitat, aus einer Facebook-Gruppe aufgeschnappt, lässt nichts gutes vermuten (bei der VG Wort Geschichte geht es ausschließlich(!) um mehrseitige, digitale Textkopien aus Büchern oder Zeitschriften, nicht um Powerpoint-Präsentationen oder andere Inhalte – das Zitat deutet darauf hin, dass sich diese lehrende Person noch nie ernsthaft mit dem Urheberrecht in der Lehre auseinandergesetzt hat):

Auf Grund des Zeitbudgets und der unterschiedlichen Rollen eines Lehrenden glaube ich persönlich nämlich auch nicht, dass ein edChat-Konzept (wöchentlicher Twitter-Chat für Lehrer*innen zum Austausch über Berufspraxis) für Hochschullehrende funktioniert, wie ihn Markus Deimann (ab Stunde 2:09:00 im Video) vorgeschlagen hat (Falls doch: große Freude, bitte auf jeden Fall ausprobieren! :-)).

Im Kopf geblieben ist mir auch die Äußerung von Prof. Heribert Nacken von der RWTH Aaachen, der auf einer Veranstaltung in der TH Köln sagte, dass man innovative Dinge in der Lehre eher an die wissenschaftlichen Mitarbeiter bzw. unteren Ebenen an Instituten rantragen sollte, weil die sich damit beschäftigen können und dass dann im Institut verbreiten. Vermutlich ging es hier auch um den Faktor Zeit haben?
Auf dem Papier besteht nämlich für Lehrende aus meiner Sicht die große Herausforderung, zum einen an den aktuellen Entwicklungen in der eigenen wissenschaftlichen Disziplin dranzubleiben als auch die aktuellen Entwicklungen bzgl. Medien, Lernen und Lebenswelt von Studierenden im Auge zu behalten und dann auch noch Forschung zu betreiben sowie in der Gesellschaft Stellung zu beziehen. Den Spagat müssen ja Lehrer*innen im Schulbereich auch leisten, aber ohne den Forschungsanteil – und auch in der Schule sieht es ja eher in der Gesamtbetrachtung mau aus, was den Medieneinsatz angeht (hat viele Gründe, nicht nur Sache der Lehrer*innen!). Auch hier stellt sich immer wieder die Frage, wie man möglichst viele Lehrer*innen „fit“ machen kann.

Ein kleines Beispiel aus dem Bereich Inklusion und Schule: In Schulen werden Sonderpädagog*innen den Lehrer*innen an die Seite gestellt, die den Unterricht inzwischen ebenso mitgestalten. Diese Teamarbeit war wohl für einige Lehrer*innen auch neu, zumindest sind das meine Erfahrungen aus den Gesprächen des Barcamps Inklusion (Inklusionscamp).

Also: 1 Team als Lösung und große Vision?

Könnte die angesprochen Teamarbeit Teil einer Vision für eine moderne und qualitativ hochwertige Hochschule im digitalen Zeitalter sein, wie sie Vincent Kammer von Kiron forderte?

Gibt es solche Konzepte vielleicht schon (Tutor*innen sind ja so etwas ähnliches?)? Oder basiert die Idee auf fehlerhaften Annahmen? Hinweise gerne gesehen!

Was denkt ihr? 

PS: Wer von dem 1 Wort-Satzbau verwirrt ist, findet hier eine Erklärung 😉

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel (Text) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Der Name der Urheber soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Matthias Andrasch für studieren.digital. Urheberrechtliche Angaben zu Grafiken, Videos oder anderen verwendeten Inhalten finden sich direkt bei den jeweiligen Inhalten. Titelbild des Beitrags: FotoshopTofs – Pixabay/ CC0-Lizenz

2 Comments

  1. Derzeit wird die Professionalisierung der Hochschullehre ja häufig zentral über eigens eingerichtete Kompetenzzentren an den jew. Hochschulen vorangetrieben („Teaching and Learning Center“). Dort werden Weiterbildungskurse für Lehrende angeboten (die dann eben leider oft keine Zeit dafür haben), aber auch TutorInnen, Studierende als MultiplikatorInnen ausgebildet, um die Lehre in ihren Arbeitsbereichen zu unterstützen (die haben mehr Zeit und profitieren wohl auch karrieretechnisch mehr davon).

    1 ausgebildeter Medienprofi pro ProfessorIn? Klar, wäre toll!
    1) Kostet natürlich mehr
    2) Denkst du da an egalitär agierende Teams, oder sind diese Profis dann Untergebene der ProfessorInnen? In beiden Fällen sehe ich Konfliktpotenzial 🙂

    • Matthias Matthias

      Danke für deinen Kommentar! Bezüglich 2.) habe ich mich noch gar nicht klar positioniert – daher auch mein Frage ins Netz, ob es vielleicht schon solche Ansätze gibt und inwiefern da diese Konflikte bearbeitet wurden – dass es das Konfliktpotenzial gibt, denke ich auch. 🙂

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