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Fake-News, Postfaktisch & mehr? Wie reagiert die Wissenschaft?

Eva Bucher hat für ZEIT Campus zu diesem Thema rund 40 Professorinnen und Professoren angeschrieben, etwa zwei Drittel haben ihr geantwortet. Die Antworten zeigen, dass auch etablierte Wissenschaftler*innen den derzeitigen Entwicklungen eher ratlos gegenüber stehen und über kein Konzept oder Ansätze verfügen, wie man wissenschaftliche Ergebnisse im Internet seriös, aber trotzdem wirkungsvoll verbreiten kann.

Zwei Zitate, die das für mich verdeutlichen:

An Person B: 2. Woran liegt das?
Immer mehr Menschen informieren sich im Internet. Dort stehen Meinung, Gerücht und wissenschaftliches Ergebnis ununterscheidbar nebeneinander. Es fehlt an Orientierung und Qualitätskriterien. Die Aufmerksamkeit wird eher dem zuteil, der am schrillsten auftritt. Da kann (und will!) Wissenschaft nicht mithalten. Die traditionellen Medien, egal ob Print, Hörfunk oder TV, berichten meist ausgewogen und würden so einen Unsinn nicht bringen.

An Person A: 4. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Ich lese keine News, sondern bilde mir meine Meinung fast nur auf Basis von ausgewählten langen Artikeln aus erstklassigen Medien oder Forschungspapieren. Und ich denke lieber nach und diskutiere mit klugen Menschen, als mich im Internet opportunistisch beschallen zu lassen.

Was ist daran problematisch?

Jetzt müssen wir auch zum Thema #OpenAccess schwenken meiner Ansicht nach, denn interessierte Bürger*innen haben meist keinen kostenfreien Zugriff auf diese angesprochenen erstklassige Forschungspapiere. Das ist schon mal Problem Nummer eins, auch wenn der Zugriff allein wohl kaum mehr etwas helfen würde derzeit.
Also verbleibt nur die Hoffnung, dass ein*e Online-Journalist*in mit Zugang(!) die Ergebnisse aufgreift und sie prominent in den Social Media Kanälen platziert. Natürlich kann man auch hoffen, dass Menschen in Zeiten von Social Media wieder auf traditionellen Medienkonsum, „egal ob Print, Hörfunk oder TV“ umschwenken und dann alles wieder gut wird. Was ist da die aktuelle Strategie?

Und wenn ich den großen Teil der Antworten aus dem Interview lese, dann muss ich wieder an mein aufgeworfenes Bild der universitären Analogburgen denken, deren Burgbewohner*innen größtenteils noch ein ganz anderes Informationsverhalten in Bezug auf Medien haben und sehr, sehr weit von dem entfernt sind, was gerade in Facebook-Gruppen und generell da draußen in diesem Netz so los ist.

Von universitären Analogburgen und digitalen Wolken

Um mich nicht falsch zu verstehen: Nicht jede*r Wissenschaftler*in muss jetzt sofort zu Facebook oder Twitter und in die öffentliche Diskussion eintauchen, dafür ist die Zeit bei vielen wohl einfach zu knapp. Ebenso kann ich verstehen, wenn man als etablierte*r Forscher*in sich nicht mit den abtrusen Argumentationen auseinandersetzen will. Aber Ignoranz und „weiter publizieren wie bisher“ wird nicht weiterhelfen.

Also was tun?

Viel mehr sollten doch gerade jetzt neue Strategien für das Erreichen der Öffentlichkeit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen massiv angegangen werden und Projekte mit Personen initiiert werden, die das vermeintliche postfaktische Zeitalter besser kennen, genau untersuchen und mitgestalten wollen und können? Personen, die auch das wissenschaftliche Publikationssystem in das digitale Zeitalter bringen wollen? Die partizipative Ansätze entwickeln, welche auch im Zeit-Artikel kurz angesprochen wurden? Wenn man es nicht selber leisten kann, dann sollte man doch wenigstens andere Personen in die Position bringen, den Kampf um die Fakten anzugehen?

Welche Schlagkraft hätten denn all die Universitäten und Hochschulen in Deutschland, wenn sie sich analog und digital zusammenschließen würden und sich auf die Diskussion im Netz einlassen? Wenn sie ihre großen Ressourcen auch nutzen, um möglichst gute Inhalte wie Videos, Podcasts und Blogbeiträge oder andere Projekte zu machen, die möglichst alle Menschen in den Sozialen Netzwerken (also inzwischen ein großer Teil der Gesellschaft) erreichen könnten? Und hierbei geht es in erster Linie nicht drum, Menschen zu irgendetwas zu überzeugen, sondern ihnen den wissenschaftlichen Stand und die Denkweise dahinter überhaupt mal in den neuen Informationskanälen zu präsentieren. Also ein Versuch, gegen das Postfaktische anzugehen. Ein Versuch, ein Gegengewicht auf die Waage zu bringen. Und vielleicht ein Versuch, sich auch nicht mehr auf den Journalismus allein zu verlassen zur Verbreitung der Ergebnisse an die Öffentlichkeit?

Steht und fällt mit den Fakten nicht auch letztlich die Idee der Wissenschaft?

Nur zur Erinnerung: Nach der Erfindung des Buchdrucks eigneten sich Wissenschaftler*innen auch das Medium Buch an, um ihre Erkenntnisse großflächig zu verbreiten. Vorher wurde darin nur handschriftlich das Wissen verwahrt, welches Studierende dann 1 zu 1 aus ihrem Gedächtnis wiederholen sollten. Die Wissenschaftler*innen von damals hätten auch weiter auf mündliche Vorträge setzen können wie bisher. Taten sie aber nicht, sondern es kam enorme Bewegung in die Wissenswelten, als sie begannen den Buchdruck für sich zu entdecken.
Von all der Bewegung in Bezug auf das World Wide Web bekomme ich seit mehreren Jahren aber leider nichts mit? Das WWW wird, vor allem in den Geisteswissenschaften, weiterhin von den meisten Entscheider*innen als optionaler Publikationsort angesehen und nicht als ein wichtiger Ort der Wissensschaftskommunikation (Gerne korrigieren!). Nun sind wir nach Jahren der Ignoranz an dem Punkt, dass einige Menschen in den Sozialen Netzwerken, mit denen die Wissenschaftler*innen nicht diskutieren wollen, den Stinkefinger in Richtung der universitären Analogburgen recken und sagen: „Siehste, wir können auch ohne euch, euren langweiligen Vorträge und euren vermeintlichen Fakten!“.

Ich hoffe, dass wir in Zukunft nicht an den Punkt kommen, an dem die Idee der Wissenschaft mit all den verschiedenen Gedanken, all der Vielfalt und den damit verbundenen Widersprüchen generell in Frage gestellt wird und die universitären Analogburgen angezündet werden? Oder sind wir schon längst dort angekommen?

Vielleicht sollte man einfach mal die Klimaforscher*innen in der USA fragen. (Update 10.04.2017: Im Guardian beschreibt eine Klimaforscherin ihre derzeitigen Erfahrungen: I am an Arctic researcher. Donald Trump is deleting my citations).

Update 10.04.2017: Es gibt am 22. April 2017 einen ScienceMarch in mehreren deutschen Städten.

PS: Leseempfehlungen:

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel (Text) ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz. Der Name der Urheber soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Matthias Andrasch für studieren.digital. Urheberrechtliche Angaben zu Grafiken, Videos oder anderen verwendeten Inhalten finden sich direkt bei den jeweiligen Inhalten. Titelbild des Beitrags: Foto von adriankirby / Pixabay, CC0 Lizenz.

One Comment

  1. Natürlich wäre es ein Schritt nach vorn, wenn die Hochschulen sich zusammentäten und ihre Möglichkeiten der digitalen Präsentation von Ergebnissen nutzen und damit den Unterschied zwischen wissenschaftlichen Ergebnissen und Fake News oder bloßer Meinungsmache stärker herausarbeiten würden. Sie und auch wir sollten uns aber auf der anderen Seite auch nicht irre machen lassen, nur weil „einige Menschen in den Sozialen Netzwerken“ ihnen nicht mehr zuhören wollen.
    Hier wird m.E. auch eine falsche Gegenüberstellung von analog und digital vorgenommen, denn das tatsächliche Problem liegt woanders. Nämlich nicht in den neuen Verbreitungsmitteln, sondern in der Tatsache, dass es schon immer Leute gegeben hat, die die Wissenchaft leugnen, und dass diese aktuell jede Menge unverantwortliche Vorbilder und Unterstützung aus dem politischen Bereich kriegen und dadurch zunehmend Oberwasser haben. Aktuelles Beispiel (aber eben nur ein extremes Beispiel für viele andere, die ebenso handeln) ist natürlich Trump. Zum Glück lassen sich viele Wissenschaftler seine Klitterungen und Beschimpfungen nicht mehr gefallen, wie ich z.B. hier erfahren habe: https://www.textundwissenschaft.de/2017/03/20/wissenschaft-als-fake-news/
    In diesem Sinne sollten die Wissenschaftler auch bei uns noch viel selbstbewusster gegen solche Geschichtsklitterer und Demagogen vorgehen, was in Zeiten der zunehmenden Abhängigkeit der Hochschulen von Drittmitteln usw. natürlich nicht leichter wird. Aber wann hatte es wirkliche Wissenschaft schon leicht?

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